die Geschichte von Piepsel

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  • Die Geschichte von Piepsel


    Täglich kontrolliere und füttere ich meine Wellensittiche, für mich
    immer ein Moment der Entspannung. Besonderes Augenmerk liegt in der
    Brutphase bei den Nistkästen bzw. den Küken und deren Eltern. Werden sie
    gut gefüttert, kümmern sich die Elternpaare, welche die erste Brut
    haben überhaupt um die Küken, sind die Kröpfe gefüllt, denn gerade das
    erste Futterbetteln wird häufig nicht wahrgenommen, gibt es
    Komplikationen….


    Schon einige Tage zuvor bemerkte ich, dass die
    beiden kleinsten Küken aus einer Clearbodyverparung früh immer außerhalb
    ihres Nistkastens saßen. Ich habe mir nichts weiter gedacht, erstens
    bedingt durch die Wärme, zweitens hat man manchmal etwas frühreife
    Küken, welche bereits anfangen und festes Futter aufnehmen. Hier
    erschien mir das kleinste Küken allerdings zu jung, dass es bereits
    selbstständig fressen konnte – also zurück in den Nistkasten gesetzt.


    Am nächsten Morgen bei der Kontrolle, lag genau dieses kleine Küken am
    Futternapf auf der Seite. Augenscheinlich tot, auch bereits ausgekühlt.
    Die Beine zur Seite gestreckt. Das Küken habe ich augenblicklich
    rausgenommen, in der Hand gewärmt und im selben Moment überlegt – macht
    es Sinn, was du hier tust? Das Leben des Küken lag in meinen Händen,
    das schlechte Gewissen – hättest du das früher bemerken müssen, hätte,
    könnte, wäre….
    Ich legte das Küken nach einer Weile zur Seite, ich
    war mir einfach in dieser Situation nicht mehr sicher nach dem Sinn des
    Tuns. Ein kurzer Moment des Überlegens, ich konnte gar nicht anders.
    Nahm das Küken wieder in beide Hände, rannte hoch, rührte
    Handaufzuchtsfutter an – entgegen dem, was mein Verstand mir sagte. Aber
    das Küken lebte, ich konnte den Herzschlag in meiner Hand wieder
    spüren. Meine Hände zitterten beim Füttern, aber ich bekam tatsächlich
    eine ganz kleine Menge in den Kropf. Ich hätte die Welt umarmen können!
    Ich gab meinem Mann das Küken in die Hände und bereitete in der Zeit
    einen neuen Nistkasten indem ich auf dem Boden eine Wärmeplatte
    anbrachte (bitte nicht nachmachen ohne weiteres Wissen!).



    Mittlerweile hatte das Küken wieder Temperatur und es stand wieder auf
    beiden Füßen. Der Herzschlag ging wieder wie gehabt normal. Ich setzte
    das Küken in den Kasten und bemerkte dabei, dass das Küken regelrecht an
    der Seite einen Rußfleck hatte wie auch ich an meinen Fingern. Wo hatte
    ich mich derart vollgeschmiert? Bis ich auf dem Tüchlein, welches ich
    dem Küken als Untergrund mit hineingelegt hatte, den Kotfleck entdeckte.
    Ich habe schon Hungerkot gesehen, aber solch derartig rußigen Kot mein
    Lebtag noch nicht. Pechschwarz und schmierig wie Ruß.
    Mittlerweile
    wärmte sich das Küken und ich konnte das zweite Mal zu füttern. Erneut
    wieder nur eine kleine Menge. Nach dem vierten Kotabsatz nahm dieser
    auch wieder fast normale Formen und Farbe an. Das Küken lebte, das
    Zufüttern per Spritze klappte auch.


    Es dauerte einige Tage bis
    ich mir sicher war, dass es das Küken schaffen könnte. Der Brei wurde
    gut vertragen, der Kot von der Konsistenz ähnlich einem gesunden
    Jungvogel. Aber die Angst - die Angst beim Zufüttern war mein ständiger
    Begleiter, immer anwesend, wenn ich fütterte. Triffst du die
    Speiseröhre oder erstickt das Küken gleich???? Jedes Mal, wenn das Küken
    etwas kräftiger schluckte und sich schüttelte, rechnete ich damit, dass
    es zur Seite kippte und aus und vorbei… Das Tier von dir abhängig über
    sein Leben.
    Am nächsten Morgen nahm ich nach kurzer Überlegung
    auch das zweitjüngste Küken mit hoch zur weiteren Fütterung, der Kropf
    war auch hier leer und die Elterntiere fütterten nicht mehr. Anfangs
    hatte ich es im Nistkasten zu gefüttert, aber das erschien nicht
    ausreichend. Der spätere Kotabsatz bestätigte mein Tun, ähnlich dem
    Hungerkot des ersten Kükens. Vier Tage später nahm das kleinere von
    beiden Küken den Brei bereits selbstständig auf, ich musste nicht mehr
    zwangsernähren. Seltsamerweise nahm dieses Küken auch früher bereits die
    ersten Körner auf wie das ältere Geschwisterchen.


    Beide Küken
    waren zu dem Zeitpunkt wo ich sie mit der Hand aufzog keine vier Wochen
    alt. Das Clearbodypärchen hat gesamt vier Küken. Die beiden ältesten
    Küken konnten im Gegensatz zu ihren beiden jüngeren Geschwistern
    bereits selbstständig fressen und so war hier auch kein Grund gegeben
    sie zu füttern zu müssen. Das Abtasten vom Kropf bestätigte mir, dass
    dieser mit Körnern gut gefüllt waren.


    Das Gefühl, dass der
    kleine Piepsel dies überlebt, ist unbeschreiblich. Ich kann es nicht in
    Worte fassen, es ist einfach überwältigend. Auf der anderen Seite aber
    regt diese emotionale Begebenheit auch sehr zum Nachdenken an. Man ist
    auch als langjähriger Züchter nie erfahren genug und sollte offen sein
    für Ratschläge, vor allen Dingen aber sollte man niemals unbedarft mal
    eben so seine Vögel brüten lassen, denn mir kann die Entscheidung über
    das Leben eines Tieres schneller in die Hände gelegt werden wir mir lieb
    ist....





  • Was für eine Geschichte! :eek: Ich bin ganz gerührt und danke Dir fürs Mitteilen. Das glaube ich Dir, dass Du zittrig warst - das Leben des Piepers lag im wahrsten Sinne des Wortes in Deinen Händen.... :bestfriend:


    So schön, dass es gut ging und sicherlich ein wichtiger Beitrag für User, die meinen, Welli-"Zucht" sei super easy...

  • Hallo Anja,
    was für eine rührende Geschichte und ganz toll das die Kleinen es geschafft haben :)
    Aber da sieht man echt, das so einfach mal brüten lassen, ach ist ja so niedlich für
    nicht Erfahrende das falscheste ist was man tun kann!
    Ich persönlich würde mir eine Zucht auch nicht zutrauen, über Leben und Tot entscheiden
    sehr schwierig!

  • Ich hab richtig den Atem angehalten, so mitreißend ist diese Geschichte. Ich habe großen Respekt vor Züchtern wie Dir, es ist eine so verantwortungsvolle Aufgabe, die ich mir nicht zutrauen würde. Vielen Dank dafür.
    LG

  • Toll erzählt, ich habe mit gefiebert. Manchmal sollte man nur dem Gefühl folgen. Jede dieser Erfahrungen ist einmalig und man muss spontan entscheiden - was zu tun ist. Du hast richtig entschieden.glückwunsch.gif

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