Kleine Literaturstudie zum Thema „Ernährung – Früher und Heute“

  • TEIL 1


    Einleitung


    Hallo ihr Lieben :wink:


    Anlässlich der Diskussionen in der letzten Zeit, in der es u. a. um falsche Ernährung, kein Grünfutter oder frühes Sterben der Wellis geht und auch oft auf „alte Bücher“ hingewiesen wurde, habe ich in den letzten zwei Wochen eine kleine Literaturstudie durchgeführt. Ich hatte das Glück, einige ältere Bücher von 1937 bis 1993 gebraucht zu einem guten Preis zu erwerben. Ein noch älteres, von 1905, war mir bei Antiquitätskosten von knapp 80 Euro zu teuer. Ein neueres Buch von Birmelin aus dem Jahre 2008 kam leider nicht an und musste storniert werden. Ich denke aber, dass ist nicht weiter schlimm. Die aktuelle Ernährung ist den meisten bekannt und steht auch auf vielen Webseiten, die an dieser Stelle aber nicht genannt werden.


    Viele von euch kennen das eine oder andere Buch vielleicht oder haben noch weitere Literatur gelesen. Zugegeben, für mich ist es das erste Mal, dass ich Bücher zum Thema Wellensittich lese. Für diese kleine Studie habe ich mich zunächst auch nur auf die Kapitel „Ernährung“ konzentriert und nur beiläufig schon das eine oder andere Kapitel überflogen. Mir bleibt also noch viel Lesestoff, auf den ich mich freue. Abgesehen von den Einzel-Wellis, die meine Eltern in meiner Kindheit hielten, bin ich mit mittlerweile 3 Jahren Wellihaltung auch noch nicht ganz so erfahren wie manch anderer hier. Allerdings habe ich Dank der vielen Tipps hier im Forum schon einiges gelernt und bin offen für mehr, was es noch zu lernen gibt.

    !!! Wichtiger Hinweis !!!


    Die im Folgenden zusammengefassten Informationen sind Fakten und Erkenntnisse, die ich aus den jeweiligen Büchern entnommen habe. Es handelt sich also nicht um meine eigene Meinung! Der Einfachheit halber nenne ich an entsprechenden Stellen nur den Autor und das Jahr des Buches. Wenn notwendig, werden einzelne Stellen aus den Büchern zitiert – was jedoch entsprechend kenntlich gemacht wird. Die vollständigen Literaturquellen sind am Ende des Beitrags zu finden.


    Dieser Beitrag gilt in erster Linie der Information und soll im Anschluss zu einer sachlichen und vor allem freundlichen Diskussion anregen. Bitte bleibt dabei fair und mit gutem Umgang, auch wenn die Meinungen vielleicht auseinander gehen. Es wäre schade, wenn meine Mühen umsonst waren und das Thema geschlossen werden müsste...


    Über die Bücher


    Das älteste Buch von Weege/Ragotzi (1937) mag für die jüngere Generation etwas schwer zu lesen sein, da es noch in der typischen, deutschen Schriftform von damals gedruckt wurde (z. B. das „S“ was eher wie ein „F“ aussieht). Dennoch ist es recht freundlich geschrieben und man liest die Begeisterung für das Tier daraus – auch wenn hier für die damalige Zeit üblig der Wellensittich in Einzelhaltung beschrieben wird. Es werden auch einige Charaktere vorgestellt und u. a. über das Naschen am Esstisch des Menschen berichtet. Insgesamt aber interessant und informativ – auch wenn man heute nicht mehr ganz der Meinung der Autorinnen ist. Bei Baars (1953) handelt es sich um ein nachkriegszeitbedingtes kleines, dünnes Heft mit relativ wenig aber dennoch kompakten Informationen. Das Heft von Michaelis (1962) ist dafür schon etwas größer und mit ca. 104 Seiten auch umfangreicher. Neben vielen, schönen handgemalten Wellensittich-Zeichnungen und einigen schwarz-weiß Fotos gibt es kompakte, allgemeine Informationen sind jedoch die Themen Zucht und Farbspielarten Hauptbestandteiles dieses Werkes.


    Mit Rutgers (1979) haben wir ein Buch, bei dem mir ganz besonders die gemalten Zeichnungen der verschiedenen Farbschläge der Wellensittiche gefallen – habe aber schon gesagt bekommen, dass es da noch bessere Bücher gibt (z. B. von Radtke). Auch hier ist der größte Teil der Thematik die Zucht, insbesondere wie die jeweiligen Farbschläge entstehen wird sehr ausführlich beschrieben. Ich persönlich mag den Schreibstil des Autors nicht wirklich – es handelt sich jedoch um eine Übersetzung vom Englischen ins Deutsche, weshalb manches vielleicht nur negativ erscheinen mag. Insgesamt liest es sich m. M. n. sehr „fordernd“ und streng. Dennoch ist es recht informativ und berichtet auch über Wellensittiche in Australien sowie die Geschichte/Entwicklung der domestizierten Wellensittiche. Auch wenn das Buch von 1979 stammt, es basiert auf den Wissensstand der 20er, 30er, 50er und 60er Jahre. Thiebes (1980) ist ebenfalls nur ein kleines Heft wie das von Baars und daher eher kompakt.


    Sehr empfehlenswert ist das Buch von Radtke (1982). Es ist m. M. n. nicht nur toll geschrieben, sondern behandelt die einzelnen Themen auch sehr ausführlich und hintergrund-vertieft. Birmelin/Wolter ist laut Recherche von 1993 und im freundlichen und informativen Stil verfasst, aber es könnte m. M. n. etwas ausführlicher sein.


    Teil 2 folgt im nächsten Beitrag (der gesamte Text ist zu lang)

  • Teil 2


    Zusammenfassung der Grundernährung des Wellensittichs


    Wie bereits eingehend erklärt, habe ich mich für meine kleine Studie auf die Kapitel zum Thema „Ernährung“ beschränkt. Lediglich für einige Fragen habe ich mir auch andere Bereiche angesehen, dazu später mehr.
    Wenn man die Kapitel der Bücher miteinander vergleicht ist eines ganz klar: Das Grundfutter besteht immer aus Hirse, Glanz (auch Spitz- oder Kanariensaat genannt) und Hafer. Alle drei Getreidesorten gehören übrigens zur Familie der Süßgräser. In Bezug auf den Hafer gibt es unterschiedliche Meinungen. Während Baars (1953) und Thiebes (1980) nicht weiter auf den Hafer eingehen, so soll er laut Weege/Ragotzi (1937) und Rutgers (1979) geschält oder als Flocken/Brei gereicht werden. Michaelis (1962) und Radtke (1982) empfehlen ungeschälten Hafer, damit die Vögel etwas zur Beschäftigung haben und die Vitamine unter der Schale nicht verloren gehen. Abgesehen von Baars (1953) und Rutgers (1979) werden bei der Hirse immer verschiedene Sorten empfohlen. Einzig Radtke (1982) erklärt ausführlich, welche Sorten gemeint sind. Das wären als beste Hirse die Silberhirse, dann Platahirse, Japanhirse, Mohairhirse (Indien) sowie rote und gelbe Senegalhirse (Afrika). Letztere ist der bekannte und beliebte Kolben der Wellis. Negativ sollen Goldhirse aus Marokko und die rote Dakotahirse aus den USA sein, da die Samen viel zu groß und schwer zu entspelzen sind (Gefahr des Verhungerns).


    Radtke (1982) klärt zudem auch über ölhaltige Saaten auf, die abgesehen von Birmelin/Wolter (1993) auf diese Weise in bisher keinem der Bücher erwähnt wurden. Radtke beginnt das Kapitel „Ernährung“ zudem mit der Erklärung, dass wilde Wellensittiche relativ kurze Zeit im Jahr voll ausgereifte Samen zu sich nehmen und in der übrigen Zeit Keimlinge, junge Gräser, Grasblüten sowie heranreifende Samen. Dies wird als wesentlicher Angelpunkt für die biologisch richtige Ernährung bezeichnet. In der Fachsprache wird das als „Gramineefutter“ bezeichnet. Auch wenn ölhaltige Samen nicht zwingend notwendig und eine übermäßige Fütterung negativ ist, so dienen beigemischte Samen wie Neger- oder Leinsaat der Eiweißaufnahme. Negersaat, Leinsaat, Mohn und Salatsamen - in der Reihenfolge – entsprechen laut Radtke (1982) dem Wert der Nährstoffaufbesserung des Gramineefutters.


    Als nächstes wird in jedem Buch Keimfutter empfohlen, laut Weege/Ragotzi (1937) und Michaelis (1962) soll es das ganze Jahr über gereicht werden, laut letzterem Autor insbesondere wegen denn B-Vitaminen. Rutgers (1979) empfiehlt für eine bessere Verdauung Vogelkohle über das Keimfutter zu streuen. Thiebes (1980) sieht Keimfutter besonders im Winter als Ersatz für Grünfutter an. Wenn ich das richtig verstehe – zumal es zum Thema Keimfutter für Jungvögel ein eigenständiges Kapitel gibt – empfiehlt Radtke (1982) es eher als Zucht bzw. Aufzuchtfutter. Keimfutter kann aus Hirse, Gerste, Hafer, oder Weizen bestehen.


    In den ältesten Büchern steht noch nichts über Mineralien und Vogelgrit. Erst ab Michaelis (1962) ist immer von Muschelgrit, Vogelsand, Kalk(stein), Sepiaschale oder Hühnereierschalen aus dem Haushalt die Rede. Michaelis (1962), Thiebes (1980), Radtke (1982) und Birmelin/Wolter (1993) empfehlen auch Vitaminpräparate oder Lebertran als Ergänzung.


    Als Grünfutter werden in jedem der Bücher (abgesehen vom ältesten) zunächst halbreife Sämereien empfohlen. Das sind z. B. halbreife Grassämereien, halbreifer/in Milch stehender Hafer, halbreife Hirse oder Spitzsaat, samentragende Gräser (laut Rutgers sollen diese z. B. den ganzen Sommer über gereicht werden), Hirtentäschelkraut, Spitz- und Breitwegerich, Kreuzkraut oder Samen der Vogelmiere.
    Die Vogelmiere wird überall als bestes und beliebtestes Grünfutter beschrieben. Sowohl die Samen als auch die komplette Pflanze. Auch junger Löwenzahn wird häufig erwähnt. Auch die Blätter des Hirtentäschel, Kreuzkraut oder Mangold.
    Zum „häuslichen“ Grünfutter zählen Petersilie, Blattsalat (Zichorie, Kopf- oder Endivien), Spinat, Suppengrün (insbesondere Möhrengrün und Sellerie), Grünkohl.


    Zum Thema Obst gehen die Meinungen wohl auch stark auseinander. Während in Baars (1953), Rutgers (1979) und Thiebes (1980) Obst überhaupt nicht erwähnt wird, so werden Äpfel und Möhren/Karotten in allen anderen Büchern empfohlen. Michaelis (1962) nennt neben dem Apfel auch Birne. Erst in den 90ern (Birmelin/Wolter, 1993) scheinen noch Kirschen, Mandarinen oder Weintrauben dazugekommen zu sein. Radtke (1982) schreibt lediglich, dass man den Wellensittich auch an „weitere Obstsorten“ gewöhnen kann, nennt aber keine beim Namen.


    Teil 3 folgt im nächsten Beitrag

  • Teil 3


    Weitere Hinweise zur Ernährung/Fütterung


    Vitaminpräparate: Laut Radtke (1982) sind solche nur dann sinnvoll, wenn eine Zucht im Winter geplant ist, wenn der Lebensraum in Ballungszentren oder Industriegebieten liegt oder der Wellensittich generell nur im geschlossenen Wohnraum gehalten wird.Zu letzteren ergibt sich die Frage: Heißt es dann, dass generell alle Stuben-Wellis solche Präparate verabreicht bekommen sollen? Das würde zumindest erklären, weshalb z. B. Korvimin regelmäßig gereicht werden soll.


    Bei den ölhaltigen Samen wird von Radtke (1982) beschrieben, dass Mohn gut bei Durchfall sein soll und Lein den Gefiederglanz fördert. Sonnenblumenkerne und Hanf dürfen nicht im Übermaß verfüttert werden – es gibt wohl keine Probleme wenn Wellensittiche die Voliere mit Großsittichen teilen und ab und zu von deren Futter kosten. Beide Samen sind groß und für den kleinen Welli-Schnabel schwer zu öffnen. Allein aus diesem Grund sei die Aufnahme sehr gering und nicht bedenklich. Michaelis (1962) schreibt über den Hanf ebenfalls, dass er nur bedingt gefüttert werden darf, da er den Geschlechtstrieb fördert und es in der Vergangenheit viele Fehlschläge bei übermäßiger Fütterung gegeben hat.


    Bei der Aufbewahrung des Futters wurde früher übrigens empfohlen (z. B. Michaelis, 1962), dass man die Saaten in luftdurchlässigen Säckchen in einem trockenen Raum aufbewahren soll.


    Da ich selber auch hier im Forum schon unterschiedliche Meinungen zur Petersilie gelesen habe, fand ich die Erwähnung in Weege/Ragotzi (1937) ganz interessant. Es wird beschrieben, dass man der Petersilie viel Unrecht zufügt, weil man ihr nachsagt sie sei giftig für Papageien. Dies soll sich wohl auf vergangene Verwechslungen mit der ähnlich aussehenden Pflanze namens Schierling beruhen.


    Auch finde ich interessant, dass altes Weißbrot in Milch getränkt und ausgedrückt ein gutes Aufzuchtfutter sein soll (siehe z. B. Baars oder Rutgers).


    Zum Schluss nochmal die Empfehlungen für die Zusammensetzung der Futtermischungen (sofern sie vorhanden waren):


    Michaelis (1962): Hirse und Glanz zu gleichen Anteilen, 5% Hafer


    Rutgers (1979): Entweder 2/3 Hirse (je 1/3 weiß und gelb), 1/3 Spitzsaat oder 2/3 Spitzsaat und 1/3 weiße Hirse. Die Mischverhältnisse sollen aber desöfteren geändert werden. Hafer soll nur im Frühjahr gereicht werden.


    Radtke (1982): 40-50% Hirse (zu gleichen Teilen Silber, Plata und Senegal), 30-50% Glanz, 5% Negersaat und/oder 5% Leinsaat


    Birmelin/Wolter (1993): 30% Glanz, 25% Silberhirse, 20% Plata u. Senegal, 15% Nackthafer u. Bluthirse, 5% Negersaat, 5 % Leinsaat


    Ich kann nicht beurteilen, wie es damals in den Fachgeschäften ausgesehen hat was die Futtermischungen angeht. Aber es wird z. B. in Baars (1953) und Rutgers (1979) erwähnt, dass die Fachgeschäfte eine reichliche Auswahl an Futtermischungen anbieten und diese auch den aktuellen (damaligen) Ansprüchen genüge.

    Grünfutter generell auszuschließen?

    Kommen wir nun zu der brisanten Frage, ob Grünfutter generell auszuschließen ist wenn man nicht gerate züchtet. Es wird an vielen Stellen, z. B. Weege/Ragotzi (1937) erwähnt, dass zu viel Salat nicht gut ist weil der Wellensittich davon Durchfall bekommen kann. Oder es wird darauf hingewiesen, dass für die Zucht/Aufzucht von Jungen Grünfutter enorm wichtig ist. Auch ist klar, dass von zu viel Grünfutter die Wellis schneller in Brutstimmung kommen. Aber keines der Bücher rät explizit von Grünfutter ab! Eher im Gegenteil! Hier einige Zitate als Fakt/Nachweis:


    Zitat

    „Mit Körnerfutter allein kann man Wellensittiche auf Dauer nicht in guter Verfassung halten. Je nach der Jahreszeit muss man ihnen Grünfutter reichen.“ Michaelis, 1962, Seite 22


    Zitat

    „Grünfutter ist von elementarer Wichtigkeit, besonders zur Vitaminaufnahme der Vögel. Solches Futter sollte zu keiner Saison fehlen.“ Rutgers, 1979, Seite 88


    Zitat

    „Sehr viel Grünzeug - besonders bei der Aufzucht von Jungen - ist für das Gedeihen und Wohlbefinden der Vögel von großem Vorteil.“ Thiebes, 1980, Seite 29


    Interessant finde ich die überschaubare Menge an unterschiedlichen Grünpflanzen, die damals verfüttert wurden. Gurke oder Fenchel war z. B. noch gar nicht dabei. Aber auch anderes Gemüse wie Paprika oder Tomate wird nicht erwähnt.


    Teil 4 (letzter Teil) folgt im nächsten Beitrag

  • Mögliche Ursachen für das „Sterben im jungen Alter“

    Auch wurde in den letzteren Diskussionen häufig die falsche Ernährung für das frühe Sterben der Wellensittiche als Grund genannt. Im Folgenden einige mögliche Ursachen, die gemäß den Büchern damit in Zusammenhang gebracht werden können:


    In den Büchern (Rutgers, Radtke) fand ich wichtig, dass auch die Qualität der Sämereien eine große Bedeutung gefunden hat. Während Radtke (1982) schreibt, dass man auf die Herkunft und Keimfähigkeit achten soll, so erzählt Rutgers (1979) über die Zeiten während des Krieges, als es kaum Futter gab. Damals wurden Experimente mit anderen Sämereien durchgeführt, unter denen wie von Rutgers beschrieben „die Qualität der Vögel gelitten hat“. Heute gibt es vielzählige Futtermischungen, man denke an den Online-Shop wo viele einkaufen (Name absichtlich nicht genannt). Auch Grassamen wie Knaulgras oder andere Wiesengräser ist bereits in den Mischungen enthalten – das gab es früher nicht. Rutgers (1979) schreibt an einer Stelle, dass es in Deutschland nicht möglich sei Gräser wie in Australien aufzutreiben. An späterer Stelle werden aber die Grasrispen empfohlen, die den Sommer über erhältlich sind. Die Qualität des Futters mag eine große Rolle spielen. Die fertigen Mischungen im Supermarkt sind teilweise mit Vitaminen zugesetzt, weil die eigentlichen Körner/Saaten wohl zu „alt“ und nicht mehr keimfähig sind. Klar ist, dass frische möglichst frische und keimfähige Körner verfüttert werden müssen um eine Mangelversorgung an Nährstoffen auszuschließen.


    Zu viele ölhaltige Saaten sind ungesund, dass wurde ebenfalls schon genannt und auch gab es in der Vergangenheit „Fehlschläge“ – was auch immer darunter zu verstehen sei.


    In Weege/Ragotzi (1937) wird über die unbekömmliche Ernährung berichtet, dass sogenannte Naschen vom Tisch des Menschen. Hier wird empfohlen, dass man den Wellensittich an die Nahrung des Menschen gewöhnen soll, bevor er in einem unbeobachteten Moment von etwas kostet, was ihm nicht bekommt. Es wird auch über Wellis berichtet, die gerne an Butter, Schinken, Marmelade, Bratensoße oder Sauerkraut naschten – mit dem Hinweis, je älter der Welli, „umso geseiter ist er gegen schädlichen Einfluss unbekömmlicher Nahrung“, Weege/Ragotzi, 1937, Seite 95. Wird also ein Welli im jungen Alter „falsch“ ernährt, könnte er früher sterben?


    Die Züchtung wird in vielen Fällen ebenfalls für den frühen Tod der Wellis verantwortlich gemacht. Es ist nicht auszuschließen, dass dies eine mögliche Ursache ist. Gerade heute, wo keine Zuchtgenehmigung mehr erforderlich ist und viele – ohne sich auszukennen – zu züchten probieren. Auch hier im Forum häufen sich die Anfragen neuer User, was mit ihrem Welli nicht in Ordnung sei weil er nicht fliegen kann oder zu jung verkauft worden ist. Auch wenn z. B. Rutgers (1979) in seinem Buch „Fehlschläge“ auf das Aussehen der Wellensittiche bezieht – wenn man den Text im Zusammenhang mit den vorherigen Absätzen liest – so schreibt auch er von Fehlzüchtungen bzw. Wellensittichen geringer Qualität, die trotzdem verkauft werden, um die Massen zu befriedigen.


    Etwas ganz anderes, aber sehr interessantes schreibt Radtke (1982) in seinem Buch. Der Wellensittich kommt im Alter von 4 bis 6 Jahren in die Wechseljahre – auch die Wellis, die nicht für die Zucht gedacht sind. Während dieser Zeit sind sie anfällig für jegliche Krankheiten und können daran sterben. Wenn ein Wellensittich das 7. Lebensjahr erreicht hat, dann kann er noch doppelt so alt werden. Ein weiterer Aspekt: Die Hauptmauser im Herbst macht Wellis ebenfalls leichter krankheitsanfällig, weshalb hier die beste Vorbeugung eine vielseitige Fütterung, eine reichliche Kalkzufuhr und Sauberkeit geraten ist.


    Quellen/Nachweise

    Ilse Weege/Berta Ragotzi (1937): Wellensittich – Wundervogel: Aufzucht, Zähmung, Seelenleben des kleinen Sprechers, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, Seiten 95 bis 99.


    Wolfgang Baars (1953): Der Wellensittich: Seine Pflege und Zucht, Lehrmeister-Bücherei 818, Albrecht Philler Verlag, Minden, Seiten 25 und 26.


    Hans-Joachim Michaelis (1962): Der Wellensittich – Leitfaden für Haltung und Zucht, Die Neue Brehm-Bücherei, 4. Auflage, Ziemsen-Verlag, Wittenberg, Seiten 20 bis 24.


    Abram Rutgers (1979): Wellensittiche – Pfleglich gehalten und kundig gezüchtet, Ulmer Verlag, Stuttgart, Deutsche Übersetzung von „Budgerigars in Colour, Their Care and Breeding, 1970“, Seiten 86 bis 89 u. 103/104.


    Albrecht Thiebes (o. J.): Der Wellensittich – Seine Haltung, Pflege und Zucht, Lehrmeister-Bücherei 818, Albrecht Philler Verlag, Minden – neu bearbeitet von Georg A. Radtke, laut Angaben des Verkäufers von 1980 – im Buch ist keine Jahresangabe vorhanden, Seiten 28-30.


    Georg A. Radtke (1982): Handbuch für Wellensittich-Freunde – Pflege, Zucht und Farbspielarten, 3. Auflage, KOSMOS Handbuch, Fränckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart, Seiten 21, 87 sowie 37 bis 51.


    Immanuel Birmelin/Annette Wolter (o. J.): Wellensittiche – Eingewöhnung, Pflege, Ernährung, Krankheiten, Verhalten, Zucht, Gräfe und Unzer Verlag, München – laut Recherche von 1993 – im Buch ist keine Jahresangabe vorhanden, Seiten 46 bis 51.


    ENDE :)
    Vielen Dank fürs Lesen und sorry für die Aufteilung in mehrere Beiträge, aber anders war es nicht möglich.

  • Danke für den Beitrag, da ist bestimmt viel Mühe hineingeflossen! :)


    Was mich allerdings interessieren würde: Steht in den Büchern, die du durchforstet hast, genaueres über tierische Proteine in der Wellensittichernährung? Also Insekten, Gammarus, Ei etc. Die meisten Halter verfüttern ja höchstens mal etwas Hühnerei und generell wird von proteinhaltiger Nahrung abgeraten, um die Nieren der Vögel nicht zu sehr zu belasten, aber manche Züchter schwören darauf und ich habe sowohl online als auch IRL zahlreiche Anekdoten darüber gehört, dass Wellensittiche sich mit absoluter Begeisterung sogar auf Fleisch (in der Regel Hühnchen) gestürzt haben.

    Es grüßen Miriam und die Flug-Dinos Joschi, Echo, Ciel, Clarice, Ban und Ginji

  • Nina, ganz vielen Dank für deinen nicht nur interessanten sondern auch sehr aufschlussreichen Beitrag und für die Zeit, die du dafür investiert hast.

    Grüße von Olaf und seiner Rasselbande Tweety und Chico (immer in unseren Herzen: Bubi t 2015, Lilli t 2016)



    Das Moderatoren-Team steht euch auch bei Problemen, Unstimmigkeiten, Fragen etc. gerne helfend zur Verfügung. Persönliche Kontaktaufnahme über Konversation an den Moderator eures Vertrauens.

  • Danke euch, freut mich dass es informativ/lesenswert ist. Anfangs war ich sehr ausführlich, hätte den Rahmen mehr als gesprengt. Selbst meine "Kurzversion" musste ich ja auf 4 Beiträge aufteilen wegen der Zeichenbegrenzung.


    Ja, es hat mehrere Tage gekostet obwohl ich mich nur auf Ernährung beschränkt habe. Lesen, Notizen, Vergleiche und dann das Verfassen. Aber es hat Spaß gemacht und wie gesagt freue ich mich jetzt, dass ich den "Rest" aus den Büchern auch noch lesen darf ;)


    @MachiaWelli stimmt, da hab ich tatsächlich was vergessen. Aus dem Kopf weiß ich, dass in Weege/Ragotzi (1937) empfohlen wird, 1x die Woche gekochtes Eigelb mit Magerquark zu verfüttern. Woanders habe ich auch noch was mit Ei und Ameisen gelesen, was vor allem den Küken bei der Aufzucht dient. Werde das nochmal raussuchen, aber erst morgen...

  • 8o Wow, ich bin ja grade sowas von begeistert :nicken: Danke für diese Mühe. Ich habe es mir durchgelesen und fühle mich auf jeden Fall schlauer.


    100000 Dank :blumen:

  • Mir fällt da gerade ein - sorry für OffTopic im eigenen Thema :D - Kann es sein, dass alte Bücher irgendwie Schimmel oder andere Bakterien mit der Zeit bilden? Beim Lesen/Blättern hatte ich immer das Gefühl was an den Fingern zu haben bzw. kratzte es mir schon mal im Hals oder in der Nase.... Es riecht natürlich auch entsprechend alt. Man bedenke, die Bücher sind gebraucht und haben Jahre hinter sich.. ? Mein Mann guckte mich immer an als würde ich spinnen oder mir was einbilden... So nach dem Motto: Hast zu viele Filme/Dokus über Mumien gesehen :groehl:

  • Kann es sein, dass alte Bücher irgendwie Schimmel oder andere Bakterien mit der Zeit bilden?


    Jup! Zellulose ist ein sehr guter Nährboden für Schimmel und andere Mikroorganismen, besonders solche, die auf die Zersetzung von Holz spezialisiert sind. Das Papier in Büchern (was ja lange halten soll) wird heutzutage deswegen meistens chemisch behandelt oder enthält einen Anteil an Kunststoff, aber das war nicht immer so. Früher war auch der Leim, der beim Buchbinden verwendet wurde, anfällig und zersetzte sich mit der Zeit - deshalb haben ganz alte Bücher auch diesen berühmten Vanille-Duft.
    Außerdem kann sich in den Seiten auch ganz einfach Staub festsetzen, der dann beim Durchblättern aufgewirbelt wird ;)

    Es grüßen Miriam und die Flug-Dinos Joschi, Echo, Ciel, Clarice, Ban und Ginji

  • Ich habe auch alles gelesen, sehr gut gemacht, Nina! :thumbsup:

    Liebe Grüße von

    Janka mit Gerry, Puki, Hansi, Kuki, Milka, Muffy, Mary, Moritz, Finki, Baby, Paul, Anuschka.


    Im <3 alle meine Engelchen, die ich sehr vermisse.